Wie misst und stärkt man die psychische Resilienz?

Belastungen reduzieren und Kultur der Unterstützung etablieren

BERLIN.  Diabetesbezogene Belastungen sind der stärkste Prädiktor für Depressionen bei Menschen mit Diabetes. Um herauszufinden, wer besonders gefährdet ist, sollte man die psychische Widerstandskraft ermitteln und bei Bedarf ein Resilienztraining empfehlen.

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Depressionen kommen bei Menschen mit Diabetes häufiger vor als bei Menschen ohne Diabetes und haben summativ einen negativen Effekt auf die Diabetesbehandlung und -prognose. Darauf wies der Psychologe Professor Dr. Bernhard Kulzer vom Diabetes Zentrum Mergentheim hin: „Der Diabetes geht mit mannigfaltigen Anforderungen einher – und es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich Menschen diese Anforderungen bewältigen.“ Während manche das unvermeidliche Auf und Ab im Zusammenhang mit der Diabetestherapie scheinbar locker wegstecken, macht der Diabetes anderen deutlich mehr zu schaffen. Denn die psychische Resilienz ist bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt.

Resilienz: eigentlich eine Materialeigenschaft 
„Der Begriff Resilienz stammt eigentlich aus der Physik und bezeichnet eine Materialeigenschaft“, erklärte die Psychotherapeutin Dr. Isabella Helmreich vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz, „das Material verformt sich unter Belastung, springt danach aber wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurück.“ In Bezug auf die menschliche Psyche bezeichnet der Begriff die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung psychischer Gesundheit während oder nach stressvollen Lebensereignissen. Resilienz ist hier allerdings kein statisches, sondern ein dynamisches Merkmal, das im Wechselspiel zwischen Person und Umwelt entsteht. Die psychische Resilienz einer Person werde von Umweltfaktoren, Genetik und Epigenetik ebenso beeinflusst wie vom Zusammenspiel neuronaler Netzwerke, dem vegetativen Stresssystem und psychologischen Faktoren.

Für die Messung der diabetesbezogenen Belastungen nutzt man in Mainz den PAID-Fragebogen, bei dem 20 Items mit einem Wertebereich von 0 – 100 abgefragt werden. „Bei einem Summenscore von ≥ 40 geht man von einer starken diabetesbezogenen Belastung aus“, berichtete die Psychotherapeutin. Doch auch der WHO-Fragebogen zur Erfassung des psychischen Wohlbefindens (5 Items, Wertebereich 0 – 25, < 13 als Grenzwert für ein erhöhtes Risiko für eine klinische Depression) oder die Brief Resilience Scale (BRS) (6 Items, Wertebereich von 1 – 30, < 3,0 markiert eine reduzierte Resilienz) eigneten sich für ein entsprechendes Assessment.

Bisher kein Goldstandard für Resilienzinterventionen
Bei den psychologischen Resilienzinterventionen gebe es bislang keinen Goldstandard. „Wir haben es hier mit sehr heterogenen Angeboten zu tun, die zum Teil einfach neu gelabelt werden“, sagte Dr. Helmreich. Die theoretische Fundierung umfasse kognitiv-behaviorale Konzepte, Achtsamkeitstrainings, Stressinokulation, aber auch Entspannungsübungen.

Als Beispiele für Resilienzfaktoren nannte sie aktives Coping (Umgang mit Symptomen; Verbesserung des Diabetesmanagements durch Edukation und Training), Selbstwirksamkeit (Verbesserung der Diabetesmanagement-Fähigkeiten; Stärkung der Selbstfürsorge), positive Emotionen (mehr Aufmerksamkeit für positive Momente), Kohärenzgefühl (Aufbau eines individuellen Narrativs, um die Krankheitserfahrung in die Lebensgeschichte einzubauen) und soziale Unterstützung (Kommunikationsübungen, Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks). Daneben empfahl sie das an ihrem Institut entwickelte, kostenlos und frei zugängliche Online-Resilienztraining resiLIR.  

Stärkung der Resilienz ist kein Allheilmittel
So sinnvoll die Stärkung der individuellen psychischen Resilienz auch sei – man dürfe sie nicht als „Allheilmittel“ gegen jegliche Missstände begreifen, betonte die Referentin. „Denn das suggeriert, dass man nur resilient genug sein muss, um alles bewältigen zu können.“ Neben einer Verhaltens- sei daher auch eine Verhältnisprävention erforderlich. Das Ziel solle nicht primär sein, Menschen resilient zu machen, sondern resiliente Konstellationen und Verhalten zu ermöglichen: „Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen und multisystemischen Ansatz und eine Kultur der Unterstützung von Menschen mit Diabetes, ohne Diskriminierung und Stigmatisierung“, forderte sie.

Menschen mit Adipositas: körperliche Beschwerden und Stigmatisierung
Nicht nur Diabetes, auch ein hohes Körpergewicht geht mit einer verminderten Lebensqualität einher. Entsprechend sei auch das Risiko für Depressionen erhöht, so Professor Dr. Norbert Hermanns, Psychotherapeut am Diabetes-Forschungsinstitut FIDAM.

  • Hintergrund sind zum einen die adipositasbedingten körperlichen Beschwerden, die mit steigendem BMI zunehmen. Daneben wirken sich aber auch soziale Faktoren wie Stigmatisierung, Diskriminierung und soziale Isolation auf das psychische Befinden aus.
  • So berichten knapp 42 % aller Menschen mit einem BMI ≥ 35 kg/m2 (19 % bei einem BMI von 30 – 34,9 kg/m2) von stigmatisierenden Erlebnissen im Alltag aufgrund ihres Gewichts. Sie gelten am Arbeitsplatz, im Gesundheitswesen, im Privatleben, aber auch vor Gericht oder bei der Polizei, häufig als faul und unmotiviert, weniger kompetent, undiszipliniert, unerwünscht, schlampig und unkooperativ, körperlich unattraktiv, wenig belastbar – und persönlich verantwortlich für ihren Zustand.
  • Umgekehrt verhält sich das Ausmaß der Gewichtsabnahme proportional zur Verbesserung der Lebensqualität: „Bariatrische Operationen oder die neuen gewichtsreduzierenden Medikamente verbessern die psychische Gesundheit – je stärker die Gewichtsreduktion, desto größer der Effekt“, betonte ProfessorHermanns.
  • Dieser Wechselwirkung sollten Interventionskonzepte Rechnung tragen. Doch als Erstmaßnahme gelte es, die Stigmatisierung von Menschen mit Übergewicht und Adipositas zu beenden, mit diskriminierungssensibler Sprache die entsprechenden Narrative zu verändern und Menschen in Schulungen zu vermitteln, „dass sie nicht nur selbst schuld sind an ihrer Erkrankung“, meinte er. „Es hilft bereits, Adipositas als Erkrankung zu betrachten und nicht nur als Folge von Überessen.“

Antje Thiel